Wabi-Sabi (jap. 侘寂) – der Zauber des Unvollkommenen in der Fotografie

Dieser zusammengesetzte Begriff aus denbeiden japanischen Worten Wabi und Sabi ist nicht leicht zu übersetzen. Man kann sich dessen Bedeutung annähern, indem man Wabi in seiner ursprünglichen Bedeutung begreift als sich elend und einsam, gar als verloren zu fühlen. Dieses Gefühl wandelt sich dann aber zur Sehnsucht und zur Freude das Werden und Vergehen zu würdigen. Dies wird durch Sabi, was mit Patina oder Reifegrad übersetzt werden kann, ergänzt zu dieser Begriffseinheit, die eine wichtige japanische Kunstform bezeichnet.

Wabi-Sabi meint sozusagen das Verlangen und die Fähigkeit die Schönheit und den Wehmut des Entstehens und des Vergehens des Lebens in seiner besonderen Ästhetik wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Im 16. Jahrhundert wurde diese Begriffseinheit von dem japanischen Tee-Meister und Zen-Mönch Sen no Rikyū eingeführt. Die zugrunde liegende Denkweise entstammt dem Zen-Buddhismus und war bereits im japanischen Mittelalter weit verbreitet.

Wabi-Sabi findet sich in vielen japanischen Kunstrichtungen wieder. Beispielsweise in der japanischen Gartengestaltung, dem Ikebana, der Teezeremonie oder der japanischen Poesie.

Richard R. Powell umschreibt Wabi-Sabi so: „Es nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.“ „Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden.“

Diese östlichen ästhetischen und philosophischen Prinzipien finden zunehmend Eingang in unsere westliche Kultur, so auch in die heutige Innenarchitektur, die moderne Kaligraphie und ebenso in die Fotografie.

Werden und Vergehen in der Natur

Vorgänge des Wachsens, Erblühens und des Vergehens können wir allerorten beobachten. Besonders im Frühjahr dürfen wir Zeuge eines ewigen Wiederkommens werden, das auch in uns Menschen die Vitalität nach dem Winter neu belebt. Der Wald bietet uns Fotografen einen unendlichen Formen- und Farbenschatz an Motiven, welche wir im Sinne von Wabi-Sabi fotografisch erfassen können.

Doch was unterscheidet nun die Naturfotografie von Wabi-Sabi?

Es ist die Betrachtungsweise! Oftmals gehen wir auf die fotografische Jagd, bei der wir neben unserer Fotoausrüstung auch bestimmte bildkompositorische Leitsätze mit dabeihaben. Und wenn wir nicht aufpassen dirigieren uns diese Leitsätze hinein in ein stereotypisches Abbild der vielgestaltigen Natur. Wabi-Sabi lässt uns aber die Freiheit nicht mit dem Auge zu schauen, sondern vielmehr mit dem Herzen. Die Drittelregel dürfen wir getrost zuhause lassen. Umso mehr sind wir hier eingeladen dem Moos und den Flechten visuell zu folgen, sie in ihrer Natürlichkeit zu erfassen und in ihrer Schönheit klar und unvoreingenommen abzubilden.



Wabi-Sabi lässt uns die Freiheit nicht mit dem Auge zu schauen, sondern vielmehr mit dem Herzen. Bildkompositorische Leitsätze dürfen wir zuhause lassen und uns stattdessen hineinspüren in das Motiv und dessen intuitiver Abbildung.

Sabi – die Würde des Alterns und der Patina

Die Patina in der Natur ist oft das Mehrschichtige der Gewächse. Sie bieten einander Halt und Nahrung. Und manchmal sind sie der Bote des Übergangs in eine andere Daseinsform. Wir spüren dies und lassen uns faszinieren von der Vielfalt der organischen Formen, der Farben, der unterschiedlichen Gerüche im Wald. Dies spricht uns unmittelbar an. Es lässt uns scheinbar einfache Motive als einen Ausschnitt aus der Ganzheit des biologischen Kreislaufes erkennen und genießen.


Bei den amorphen Formen und organischen Strukturen geht es um ständige Überlagerungen von Formen und Farben. Ein stetes Ineinandergreifen von Motivdetails und Ansichten. Hier ist unser ästhetisches Empfinden gefragt, den passenden Ausschnitt zu entdecken. Es geht jetzt nicht um die optimale Schärfentiefe oder das Ausreizen der Megapixel unseres Kamerachips. Wir dürfen in Ruhe die Szenerie wahrnehmen und mit unserer Kamera hinein horchen in die Erhabenheit dieses natürlich-perfekten Motivs. Gerade die Unvollkommenheit der Oberflächen, oder der scheinbare kompositorische Makel, zeigt umso mehr die Perfektion der einzelnen Elemente.

Etwas Perfektes erkennen wir im Vergleich zu etwas Unperfektem, wie Hellgrau im Vergleich zu Dunkelgrau. Fehlt das Eine, kann sich das Andere nicht mehr davon unterscheiden. So steigern sich beide im Vergleich zueinander und öffnen uns die Augen für den Wert des jeweilig Anderen.

Vielgestaltigkeit und Purismus

Oftmals schätzen wir an einer Aufnahme deren Klarheit, Ordnung und Aufgeräumtheit. Dies zeigt sich vor allem in Aufnahmen der minimalistischen Fotografie. Wabi-Sabi hingegen ist eine Kunstform der „puristischen Vielfältigkeit“. Dies meint, dass ein Motiv, wie dieses Tau an einer bretonischen Felsenküste, in seinem Bildaufbau zwar puristisch ist, die einzelnen Elemente aber in sich zerklüftet, farblich nuanciert, formal gebrochen, verschlissen, gealtert und mit Patina bedeckt sind:


Unsere Wahrnehmung kann sich fokussieren auf die wenigen Bildelemente, die sich fein differenziert in ihren Details zeigen und eine Geschichte erzählen, die unser Gefühl anspricht.

Das Mondlicht – milde und mystisch

Wabi-Sabi lässt unsere Seele erklingen und uns in eine stille Sehnsucht eintauchen, die melancholisch angehaucht nicht nur die offenkundige Schönheit schätzt. Es ist das Verhüllte und Geheimnisvolle, das uns innerlich ansprechen kann. Nicht der unmittelbare und grelle Sonnenschein ist das vorherrschende Licht in den Fotografien, sondern das ruhige, gedämpfte Licht, welches weich gestreut die Szene beleuchtet. Diese Art der Beleuchtung entspricht eher dem Schein des Mondes als dem Strahlen der Sonne.


Ein Schlagschatten, erzeugt durch direkte Sonneneinstrahlung, ist nicht das Licht in den von Wabi-Sabi inspirierten Fotografien. Das Licht ist dort weich und milde zu den Objekten. Es umschmeichelt in poetischer Weise das Motiv, so wie der Mond bei Nacht die Welt erhellt.

Lost Places – Sehnsucht nach Vergangenem und Verlassenem

Als eine moderne Interpretation von Wabi-Sabi können die populären Aufnahmen von sog. Lost Places, also Fotos von vergessenen und verlassenen Ruinen, angesehen werden. Hier entsteht beim Betrachter ein spontanes emotionales Erlebnis. Wir tauchen ein in die Orte der meist jüngeren Geschichte und versetzen uns hinein in die damaligen Umstände und manch einer hängt diesen Geschichten nach und verlängert sie in seiner Fantasie hinein in das eigene Leben.

Diese Lost Places können Industriebauten sein oder säkularisierte Kirchen. Es können Tempel fremder Kulturen sein oder verfallene Krankenhäuser. Ihnen gemein ist der Zustand des Gewesenen, des Verfallenen. Ehemals Prächtiges wurde verlassen und dem Zahn der Zeit überlassen. Oft spricht eine Traurigkeit aus den Orten zu uns. Dies alles sind Merkmale von Wabi-Sabi.

Richard R. Powell umschreibt Wabi-Sabi so: „Es nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.“

Hier ein verlassener Tempel in Kambodscha:

Im Kontrast zu dem oberen religiösen Bauwerk hier ein profanes Beispiel einer ehemaligen Industriehalle in Deutschland:

Graffiti in der Tradition von Wabi-Sabi

Greifen wir die oben genannten Merkmale für Wabi-Sabi auf, so können wir diese in einer modernen westlichen Kunstform entdecken – dem Graffiti. Auf den ersten Blick mag man meinen, dass es anmaßend ist dies in Zusammenhang mit japanischer Kultur zu bringen. Erst recht nicht mit der hochstehenden japanischen Kaligraphie. Schaut man aber auf die Darstellung und das häufig anzutreffende Umfeld von Graffiti, sowie der Intention der Spraykünstler, wird man einiges vom Geist des Wabi-Sabi entdecken können.

Häufig finden wir Graffiti im öffentlichen Raum, der nicht mehr im Rampenlicht der täglichen Aufmerksamkeit steht, seien es alte Industriehallen, unansehnliche Bahnunterführungen oder historische und verfallene Gebäude, also Architekturen, die auf dem Weg des Vergehens sind.

Auch das Graffiti selbst ist häufig in einem Zustand des Bedauerns, der Verwandlung und der künstlerischen Unperfektion, oftmals auch gewollt, die soziale Aussage transportierend. Hier die Überreste einer gesprühten Kunst an einem Brückenpfeiler in Frankreich:


Wabi-Sabi ist ein gestalterisches Konzept, das Schönheit und Ästhetik im Unvollkommenen zu erkennen vermag. Natürliches Werden und Vergehen bilden dabei einen Spiegel zu unserem eigenen Leben.

Wir wünschen Euch viel Freude beim Entdecken von Wabi-Sabi in eurer Umwelt und gelungene Fotografien in dieser japanischen Gestaltungsart!

Autor: Christian Frank, www.christianfrank.photography

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